Kontakt

„Heimatverein Amselgrund“ e.V.

Kleinfalke, Am Sportplatz 15

07551 Gera

 

 
Bannerbild
Bannerbild
Bannerbild
Bannerbild
  • Link zur Seite versenden
  • Ansicht zum Drucken öffnen
 

Gesichter und Geschichten

Renate Urban. Foto: Ilona Berger

Von wegen Bück-dich-Ware

 

Renate Urban, 90 Jahre, Leiterin des Dorfkonsums in Kleinfalke

 

„Meine Augen machen nicht mehr so mit. Doch das Gedächtnis ist noch wach“, sagt Renate Urban und lächelt. Die heute 90-Jährige leitete einst den Dorfkonsum in Kleinfalke, bis Anfang der 90er die Ladentür für immer ins Schloss fiel. Es war der erste Konsum, den die Genossenschaft Gera nach der Wende aufgab. An diesen Tag denkt sie mit Wehmut zurück: „Bei mir und meinen zwei Mitarbeitern liefen ein bisschen die Tränen.“

Der Laden in der Quellenstraße war kein bloßer Verkaufsraum. Für Renate Urban war er ein Stück ihres Lebens und ein vertrauter Ort für das ganze Dorf. Ein Haus, in dem sich die Leute Geschichten von Liebschaften erzählten, Rezepte ausgetauscht und Wünsche verraten wurden. „Ein Haus für tausend Dinge“.

 

Hier standen Ata und Badusan neben schlichtem Geschirr. Der Duft von Seife und   Waschpulver verschmolz. Unweit ergänzten verpackter Zucker und Mehl in Tüten das Sortiment. Dass die Träume oft größer waren als das Angebot, gehörte zum Alltag. Rückten die Feiertage wie Ostern und Weihnachten näher, fragten die Kunden natürlich nach Schokolade, Mandeln oder Nüssen. Man wollte feinen Kuchen backen.

Beim Ausfüllen der Bestellkataloge der Konsumgenossenschaft setzte die einstige Chefin die Stiftspitze etwas kühner an. Sie kreuzte viel mehr an, als ihr zustand – in der Hoffnung, dem Mangel ein Stückchen abzuringen. Manchmal funktionierte es, manchmal nicht.

Was aber zählte waren nicht die Vorgaben, sondern Gerechtigkeit und Herz vor Ort. Mit akribischer Sorgfalt führte Renate Urban ihre Kundenlisten.  Sie kannte die Schicksale hinter den Namen. Wo eine Mutter viele Kinder zu versorgen hatte, wanderten Bananen zusätzlich in den Einkaufsbeutel. „Bück-dich-Ware gab es bei mir aber nie “, beteuert die resolute Frau. Was ankam, fand direkt den Weg in die Hand des Kunden. Alles wurde gerecht verteilt. „Oft wussten die Einwohner noch vor uns, wenn sich eine Sonderlieferung ankündigte. Sogar Leute aus Gera tauchten dann bei uns auf.“

Bevor Renate Urban 1954 nach Kleinfalke zog, zwei Jahre später heiratete, fuhr sie täglich mit dem Fahrrad von Endschütz zur Arbeit und zurück. Jammern gab es nicht. Die gelernte Verkäuferin und zweifache Mutter war Anpacken gewöhnt und umtriebig zu sein gewöhnt. „Als sich eines Tages der Milchmann weigerte, künftig mit seinem schwerbeladenen LKW bergab und dann um die scharfe Kurve zu fahren, stellte er die Kannen oberhalb des Dorfes an der Rampe ab. Wir Frauen fackelten nicht lange, zogen dann Sommer wie Winter mit dem Handwagen los und holten die Milch.“

Nicht nur dafür war er ein unentbehrliches Transportmittel. Sorgfältig mit Waren beladen, steuerten die Frauen das Gefährt zum 1. Mai auf den Sportplatz. Auch bei Kinderfesten war er vollbepackt mit bunten Süßigkeiten.

Doch der Alltag forderte von der Chefin und ihren Mitarbeitern noch andere Talente. Als die Kirmes vor der Tür stand, orderte Renate Urban verlässlich Sonderware. Einmal mussten 150 lebendige Karpfen abgenommen werden. Der Fisch landete in den Wannen im Hof des Konsums. Wollte die Kunden Fisch, schlachtete das Team nach Bedarf.

„An einem Silvester suchten wir alle Kerzen aus dem Bestand zusammen und schafften sie ins Kulturhaus. Dort war der Strom ausgefallen und verdammt kalt. Der Jahreswechsel sollte nicht ausfallen“, weiß die Chefin weiter zu berichten.

Die wöchentlich abgegebenen Einkaufslisten von Einwohnern unter anderem aus Wünschendorf, Niebra und Otticha waren nicht nur Striche und Haken auf dem Papier. Es steckten Menschen, Haushalte und ein Dorfleben dahinter. Um die Bestellungen und natürlich Einkellerungskartoffeln persönlich auszuliefern, machten sich Renate Urban oder ihre Kolleginnen mit Fahrer regelmäßig auf den Weg.

Die heute 90-Jährige lebt auf, wenn sie von früher erzählt. „Alles war persönlicher und herzlicher.“ Den Konsum vermissen vor allem viele Ältere, war er doch ihr Treffpunkt zum Einkauf und zum Schwatzen.

(Aufgeschrieben von Ilona Berger, September 2026)

Annemarie Winkler auf der Bank vor ihrem Haus.  Foto: Ilona Berger

Den oder keinen

Annemarie Winkler, 88 Jahre, Ureinwohnerin von Kleinfalke

Im Sommer spendet die stattliche Linde mit ihrer ausladenden Krone viel Schatten. Ungefähr 30 Meter ragt der Baum in die Höhe. Vor 100 Jahren wurde er gepflanzt. Vielleicht. Er prangt im Garten von Annemarie Winkler in Kleinfalke, Neue Siedlung 6. Ihr Lieblingsfleck.

Was könnte die alte Linde alles erzählen.

„Nach der Heirat ihres Friedrichs ist die heute 88-Jährige auf dem ehemaligen Rittergut eingezogen. Das war 1956. „Den oder keinen wollte ich. Schon lange gefiel er mir“, sagt die resolute Frau und schmunzelt. Sein Ruf, fleißig und strebsam zu sein, eilte ihm voraus. Beim Tanz lernten sich beide kennen und lieben. Das Glück des Paares machten zwei Kinder, Tochter Bärbel und Sohn Frank perfekt.

Nach der Arbeit hieß es für die junge Annemarie, kräftig mit anpacken. Die ausgebildete Industriekauffrau scheute sich vor nichts. Sie wusste, wie anstrengend und kräftezehrend die Tätigkeit in der Landwirtschaft sein kann. „In vielen Gesprächen hat mir mein Schwiegervater Karl von früher erzählt. Als Verwalter übernahm er von seinem Onkel Alfred Schön das Rittergut mit Herrenhaus, Stallungen für Kühe und Pferde, Scheune und über 100 Hektar landwirtschaftliche Fläche. Tagelöhner und Einheimische aus dem Ort verdingten sich hier. In der Hochsaison sah man bis zu 20 Arbeiter auf dem Feld“, erinnert sich Annemarie Winkler. „Karl war eine Respektsperson. Gab es Komplikationen beim Kalben eine Kuh, wurde er geholt. Auch später vertrauten die Kleinfalkaer auf seinen Rat und schätzten seine Erfahrungen.“

Die Schwiegermutter nahm sich junger Mädchen an, um sie die Hauswirtschaft zu lehren.

Das Ende des Krieges läutete eine Zeitenwende ein. Der Schwiegervater sollte laut Testament der Besitzer des Gutes werden. Es kam anders. Die Bodenreform von 1945 leitete einen grundlegenden Wandel der Eigentumsverhältnisse ein. „Karl erhielt auf dem Rittergut eine Neubauernwirtschaft mit knapp sechs Hektar.“ Er durfte mit seiner Familie bleiben und wohnen.  Das Herrenhaus wurde aber bis auf den ersten Stock abgerissen. Es war zu nobel. In welchem Jahr das passierte, weiß Annemarie Winkler trotz Erzählungen nicht mehr. Ihr Mann zählte damals 13 Lenze.

Das Areal ist für die 88-jährige ihre Heimat. „Ich bin aus dem Ort, habe als Kind mit den Mädchen vom Rittergut gespielt. Seit sieben Jahrzehnten lebe ich nun in dem einstigen Herrenhaus.“ Hier verbrachte sie mit ihrem Friedrich, ein leidenschaftlicher Jäger eine schöne und aufregende Zeit. Trophäen von Mufflons und Rehböcken zeugen heute noch von seiner Leidenschaft. 2014 verstarb er.

Seit Mai 2025 macht Annemarie Winklers Rücken Probleme. „Früher habe ich alles wie selbstverständlich alleine gestemmt. Meinen Haushalt, im Garten Zwiebeln, Kartoffeln, Kohlrabi angebaut, Brombeeren geerntet und eingekocht. Heute bin ich dankbar, dass Tochter Bärbel und Sohn Frank mit Familie, die mit hier leben, helfen.

 

Vor geraumer Zeit ließ ein besonderer Moment die Vergangenheit wieder aufleben. Eine Frau aus dem Weimarer Land begab sich im Ort auf Spurensuche. Im Nachlass ihres Vaters fand sie eine Beurteilung aus jenen Tagen, als der Papa auf dem einstigen Rittergut das Handwerk des Verwalters erlernte.

(Aufgeschrieben von Ilona Berger, September 2026)

Doris Ohrdorf (Foto: Ilona Berger).

Schlüsselfrau mit Herdentrieb

Doris Ohrdorf, 72 Jahre, kümmert sich um das Gemeindezentrum in Kleinfalke

Wer die Seniorin in ihrem Elternhaus antreffen möchte, braucht Geduld und eine Portion Glück. Doris Ohrdorf ist von unbändiger Energie und Neugier getrieben, die manchen Jüngeren erblassen lässt.  Wenn der Heimatverein Amselgrund zur Kirmes lädt, zum Frühlingsball bittet und scharfzüngiges Kabarett ankündigt, ist sie unterwegs. Unermüdlich und mit ansteckender Begeisterung bringt sie die Eintrittskarten unter die Leute. Geht nicht, gibt es nicht.

 Auch für die jährliche Familienwanderung überlässt sie nichts dem Zufall. Gemeinsam mit Gleichgesinnten, durchkämmt sie den Wald, testet sie jeden Pfad und läuft die Route ab, damit am Ende jede Generation zufrieden ans Ziel gelangt.

Herzstück ihres Engagements ist das Gemeindezentrum. Wer hier ein- aus ausgehen möchte, kommt an der agilen 72-Jährigen nicht vorbei. Sie ist die Hüterin des Hauses und Trägerin der Schlüsselhoheit. Akribisch führt sie den Terminkalender, ob fröhliche Spieleabende, lehrreiche Verkehrsteilnehmerschulungen oder rauschende Geburtstage.

Doch mit der reinen Verwaltung gibt sich die gute Seele der Gemeinde nicht zufrieden. Bevor die ersten Gäste kommen, überzeugt sie sich persönlich vom sauberen Zustand des Raumes und wenn die Lichter ausgehen, steht Doris Ohrdorf wieder bereit, um prüfend nach dem Rechten zu sehen, ob alles ordentlich hinterlassen wieder übergeben wurde.

Wer die Frau kennt, weiß, dass in ihrem Kalender noch andere Termine stehen. Fast jeden Mittwoch ist Doris Ohrdorf mit Wanderfreunden unterwegs. Und wenn ihr ehemaliger Arbeitgeber aus Neustadt/Orla um Hilfe bittet, setzt sie sich ins Auto und in den Zug.

Ruhe und Erholung findet die temperamentvolle Seniorin, deren Alter ihr nicht anzusehen ist, in ihrem Elternhaus in der Neuen Siedlung 3. „Es steht auf Bodenreformland. Meine Oma Emma Petruschke hat es gebaut. Die Unterschrift auf dem Bauplan stammt von Mai 1948. Dachstuhl, Dachziegel, Kachelofen, Fenster und Türen kamen vom alten Rittergut. Nägel wurden gegen Kartoffeln getauscht. Aus Mangel an Platz lebte vorerst meine Oma mit ihren Kindern im Rittergut. Die Nächte verbrachten sie zeitweise im Gasthaus Hilbert, das heute nicht mehr steht,“ berichtet Doris Ohrdorf.

„Mit dreißig Jahren zog ich 1983 der Liebe wegen nach Gera. 14 Jahre später kehrte ich mit Tochter in unser altes Familienhaus zurück. Sechs Monate hatte die Sanierung gedauert. Heute schlafe ich in dem Raum, in dem ich einst als Kind das Licht der Welt erblickte.“

 Auswandern kam für die junge Doris nie infrage, selbst als sie mit anderen Mädchen und Jungen im alten Hühnerstall von Otticha, dem Jugendtreff der Umgebung, heimlich den verbotenen Westsender Rias hörte.

Ihr genügten schon die kleinen Ausflüge nach Linda oder Kauern. „Ich brauche einfach die Nähe zu meinem Zuhause, zu meinen Freunden und zu meiner Familie“, erzählt sie rückblickend. „Ich bin einfach ein Herdentier und habe am liebsten alle um mich herum. Sind sie glücklich, bin ich es ebenso.“

Genau diese Wärme und Verbundenheit möchte sie auch in der Gemeinschaft erhalten. Deshalb setzt sie sich für ein lebendiges Dorfleben ein. Ihr Ort soll nicht im Dornröschenschlaf versinken.

Eine Hoffnung, die sie vor allem in die neu Hinzugezogenen setzt.

 

(Aufgeschrieben von Ilona Berger, September 2026)